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 Bernd, der Sarg und ich

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allotria
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BeitragDi 13 Okt 2015 - 23:26 Uhr: Thema: Bernd, der Sarg und ich
   Beitrag ID: #122764 - Erstellt von: allotria

Habe gerade eine witzige Kriminalkomödie gelesen, die ich euch empfehlen kann. Zur Probe habe ich euch mal eine kleine Leseprobe hier angepint.



Kapitel 1

  Ich lebte in einem alten winzigen Viertel von Westholdermoor. Und die Gemeindeverwaltung hatte den Neubau eines Erlebnishotels mit angegliedertem Museum in die Wege geleitet. Als wollten sie eine Großstadt aus der Erde hervorbuddeln, vielleicht war hier Atlantis versteckt – oder zumindest das Bernsteinzimmer. Bisher war es hier sehr grün gewesen, mit Wiesen, Büschen und Bäumen. Nun war nichts mehr von dieser Idylle vorhanden, stattdessen eröffnete mir mein Fenster den Blick auf eine Mondlandschaft mit Sand, mit Geröll und Tausenden Steinen.

  Das Haus, das ich mit drei anderen Parteien bewohnte, stand etwas geduckt. Seine Mauern wurden von einem dichten grünen Gesträuch überzogen. Wilder Wein und Jasmin. Das sah gemütlich aus, nach Großeltern, nach Apfelkuchen und Sonntagnachmittagen. Das Haus besaß Persönlichkeit und sollte wie eine vom Aussterben bedrohte Art geschützt werden.
 

  Mein Name ist Gerda. Gerda Geier. Gern wäre ich Natalie oder so gerufen worden. Gerda? Darunter stellt sich doch jeder eine Neunzigjährige mit Rundrücken und Dutt vor. Gegen Neunzigjährige habe ich nichts. Nur: Das bin ich eben nicht.

  Die Idee mit der Namensänderung kam mir, als ich vor dem frischen Grab von Bernd Geier stand. Bernd war mein Mann. Er starb plötzlich – sehr plötzlich. Dafür konnte ich nichts, für diesen frühen Tod. Glauben Sie mir, es war ein Unfall! Die Sache mit der Schmierseife und dem offenen Sarg … Da dachte ich, dass ich die Bestatterin Gerda Geier nicht mehr sein wollte. Nur Bestatterin, aber nicht das andere.

  Deshalb ging ich sofort aufs Amt. Ich schiebe nicht gern etwas auf.

  Als ich sagte, was ich vorhatte, erklärte die Frau hinter dem Schreibtisch, da müsse ich zum Standesamt. Erster Stock, Zimmer 412.

  In 412 erklärte ich mein Anliegen.

  »Aber warum?«, fragte eine dürre Brünette.

  Etwas genervt wiederholte ich, dass ich meinen Mädchennamen wiederhaben wollte. Lorra. Und aus Gerda sollte ›Gerta‹ werden. Gerta klang irgendwie edel.

  Die Brünette nuschelte: »Das geht nicht einfach so … das geht gar nicht. Ich muss erst das Gesetz dazu lesen.«

  Sie las wirklich. Und teilte mir verwundert mit, dass es tatsächlich möglich sei, wenn ich alle Papiere beibrächte – inklusive Bernds Sterbeurkunde.

  »Damit gehen Sie zur Bürgerberatung, haben ein biometrisches Foto dabei, die Kollegin stellt den Antrag, dann gibt es den vorläufigen Ausweis, bis der endgültige neue Ausweis kommt.« Als sie den Satz beendet hatte, guckte sie demonstrativ auf ihre Armbanduhr.

  Ich verstand. Es war sechs, Dienstschluss. Ich verließ das Büro und ging zum Aufzug. Davor stand eine Putzfrau und hielt eine Flasche mit Schmierseife in der Hand.

  Seit dem Unfall mochte ich das Zeug nicht mehr sehen ...

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